Alma Allen als ‚American Underdog‘

Es gibt keinen Ort, an dem der politische Anspruch von Gegenwartskunst offensichtlicher mit der Struktur von politischer und ökonomischer Macht kollidiert, die diese Kunst trägt, als die Biennale in Venedig. Hinter den ausgestellten Booten, die zur Flucht über das Mittelmeer genutzt wurden, lassen sich die Masten der am Lagunenufer ankernden Superyachten erkennen. Jede Diskussion über die politische Wirkung eines Biennale-Beitrags sollte sich dieser Klammer bewusst sein. Gleichwohl ist es ein Politikum, wen und was die einzelnen Länder in ihren Pavillons ausstellen. Mit entsprechender Spannung wurde die lang verschleppte Ankündigung für den US-amerikanischen Pavillon erwartet. Die Spekulation um mögliche Kandidat:innen erzeugte sogar soviel Aufmerksamkeit, dass der ultrarechte Silicon-Valley-Monarchist Curtis Yarvin eine KI-generierte Provokation unter dem Deckmantel einer Bewerbung lancierte.[1]

Bisher wurden die Künstler:innen, die die USA in Venedig vertraten, vom National Endowment for the Arts bestimmt, einer unabhängigen Institution der Bundesregierung. Bei der kommenden Biennale obliegt die Auswahl erstmals der unter Trump im Juli 2025 neu gegründeten American Arts Conservancy. Sie meldete am 26. November, dass der relativ unbekannte Künstler Alma Allen 2026 Repräsentant der Vereinigten Staaten sein werde. Diese Ankündigung wurde vor allem als eine deutliche Absage an das Selbstverständnis zeitgenössischer Kunst als politisch verstanden. Alex Greenberger stellte bei ARTnews Allens Kunst, die er als formalistisch, glatt und abstrakt beschreibt, die künstlerischen Beiträge vergangener Biennalen gegenüber, die die Geschichte US-amerikanischer Sklaverei thematisierten oder die problematischen Ursprünge der Biennale als Schau der Nationen aufgriffen.[2] Stefan Koldehoff kommt im Deutschlandfunk zu einer ähnlichen Einschätzung: Die materialbetonte Position Allens richte sich gegen eine kritische Auseinandersetzung mit der US-amerikanischen Gesellschaft, sie sei eine „Flucht ins Unverbindliche“.[3] Nun sollte man formalistische Strömungen nicht als unpolitisch verallgemeinern und die Arbeit an Material und Form nicht politisch regressiven Kräften überlassen. Doch für die Auswahl Allens scheint mir Koldehoffs Deutung zuzutreffen. Die Kunstkritikerin Tessa Solomon hat darüber hinaus Parallelen zwischen Allens polierten Formen aus Bronze, Stein und Holz und Trumps Vorliebe für teure und insbesondere goldene Materialien hergestellt.[4] Meiner Ansicht nach gab es auf der Biennale aber immer schon zu viel Kunst dieser Art, um von einer Neuerung sprechen zu können.

Allens Arbeit ist jedoch mehr als die Negation von politischer Kunst. Lenkt man den Blick auf die Figur des Künstlers, finden sich durchaus deutliche Setzungen: Er verkörpert ein spezifisch US-amerikanisches Künstlerbild. Seine Auswahl wird in der gegenwärtigen Situation zu einem nationalistischen Statement. Der aus dem Binnenstaat Utah stammende Allen ist ein „self-taught Artist“. Der Kern seiner Praxis liegt in einer entdeckenden Aneignung natürlicher Formen und Materialien. Wie die Kunsthistorikerin Jennifer Jane Marshall in einem Katalogtext zur Ausstellung Outliers and American Vanguard Art (2018) darlegt, existiert diese Figur seit der US-amerikanischen Zwischenkriegszeit. Damals waren Kurator:innen im Landesinneren auf der Suche nach einer ursprünglichen, nationalen Kunst. Sie hielten Ausschau nach etwas typisch US-Amerikanischem und erfanden dabei den Typus einer naiven und instinktiven Künstler:in. Sie sollte von der Natur oder vom Glauben inspiriert und von der Freiheit Amerikas befähigt sein, der eigenen Berufung zu folgen. Ihre Kunst gehörte keiner Schule an, sondern entwickelte sich angeblich ­aus der inneren ,Natur‘ und der der Nation. „[S]elf-taught“ bedeutet also nicht exakt dasselbe wie Autodidakt:in; in die stolze Unabhängigkeit vom zugangsbeschränkten Bildungssystem mischt sich hier noch ein Funken transzendenter Inspiration. Während weiße Künstler:innen dieses Typus tendenziell der Moderne zugeschlagen wurden, fanden sich Schwarze Künstler:innen in der Kategorie Folk-Artist wieder, wodurch rassistische Diskriminierungen fortgesetzt wurden. In beiden Fällen wurde die gesellschaftliche Differenz zur Kunstelite durch die Zugehörigkeit zur einer rassifizierten Minderheit und/oder zur Arbeiterklasse von den Kurator:innen nicht nur perpetuiert, sondern ausdrücklich betont: Die widrigen Umstände dienten dazu, die mythische Naturgewalt der künstlerischen Berufung zu verstärken: „It was common for white curators to emphasize a black artist’s humble, working-class origins, especially to promote the narrative of an artist pursuing creative self-fulfilment against all odds.“[5] In dieses Muster wurden die Künstler:innen mehr oder weniger gewaltsam eingepasst. Für das Konzept dieser US-amerikanischen Kunst ist die Idee der Entdeckung dreifach entscheidend. Nicht nur die Kurator:in entdeckt die Künster:in, zuerst entdeckt diese:r in jungen Jahren oder nach einem Schicksalsschlag sich selbst als Schöpfer:in. Ihre Inspiration wiederum findet sie in der Natur, etwa in Formen, die bereits in einem gefundenen Stein angelegt seien und nur entdeckt werden müssten.[6]

Marshall betont, dass die Schaffung dieses Genres im Feld zwischen Folk-Art und moderner Kunst auch als Strategie der Verteidigung in der historischen Situation verstanden werden müsse. In der Zeit der Wirtschaftskrise wurde die Kunst in den USA durch Austeritätsbestrebungen ebenso bedroht wie durch einen – aus Nazideutschland importierten Reinheitswahn gegen die Abstraktion. Die Rückbindung an Territorium und Nation und das Entdecken von Künstler:innen in der ‚einfachen‘ Bevölkerung diente der Herstellung einer modernen Kunst, die sich nicht aus den coastal elites speiste. Dies ermöglichte, die Moderne zu US-amerikanisieren und damit vor nationalistischen Angriffen zu schützen. Das Narrativ ist also nicht zwangsläufig rechts, aber explizit national und konservativ.[7]

Bei Allen lassen sich die Aspekte dieses Mythos wiederfinden. Seine Partnerin, die Kuratorin und Autorin Su Wu gratuliert ihm als Person, die es von ganz unten geschafft habe: „[…] the first artist to ever do the US Pavilion who is self-taught, who did not attend college or graduate from high school / a homeless teenage runaway […]“.[8] Die American Arts Conservancy schreibt in ihrer Pressemitteilung: „His career — spanning early hand-carved miniatures sold in SoHo to his acclaimed participation in the 2014 Whitney Biennial — reflects an enduring commitment to material integrity and artistic independence.“[9] Auf der Webseite seiner ehemaligen Galerie Mendes Wood DM wird der Bezug zu Land und Religion hergestellt: „In fact, [Allen’s works] have more in common, formally and perhaps spiritually, with the vast expanses of territory and the monolithic natural formations that have punctuated his life: Utah, where he grew up; Joshua Tree, California, where he lived for several years […].“[10] In einem Interview aus dem Jahr 2020 erzählt Allen, er sei Bildhauer, seitdem er ein Messer halten könne. Die Canyons, Minen und Felszeichnung seiner Jugend in der Wildnis von Utah seien die ersten Objekte gewesen, die er als Kunstwerke aufgefasst habe.[11]

Die aufgeführten Beschreibungen des Künstlers und seines Prozesses enthalten zwei Erzählstränge, an die sich nationalistische Argumentationen anschließen lassen. Allens Beziehung zur Landschaft lässt sich als Entdeckung eines ungezähmten Territoriums, als Transformation der Natur darstellen. Ins Bild passt, dass Allen nicht nur in Bronze, sondern auch mit hölzernen und steinernen Fundstücken arbeitet, Material also, das er pionierhaft selbst entdeckt hat. Darin liegt eine Spiegelung des US-amerikanischen Glaubens an die gottgegebene Eroberung des Kontinents. In Marshalls Worten: Der Künstler beschäftigt sich mit der „vital artistic work of revealing the expressive potential of America itself — an idea, like the continent, seemingly forever in need of discovery.“[12]Allens Kunst geht in dieser reduktionistischen Erzählung nicht auf (sichtbar nicht zuletzt daran, dass er mittlerweile in Mexico lebt und arbeitet, also auch von nicht-US-amerikanischem Boden inspiriert ist), doch sie scheint mir ein Schlüssel zum Verständnis seiner Auswahl für den Pavillon.

Der zweite Erzählstrang richtet sich noch stärker auf die soziale Biografie des Künstlers. Allen verkörpert den ,amerikanischen Traum‘, denn er ist in der Kunstwelt, die sich vor allem aus den Eliteuniversitäten der Ost- und Westküste rekrutiert, ein Underdog. Sein Werdegang vom weggelaufenen Teenager über den Autodidakten, der Skulpturen auf der Straße verkauft, bis zum gefeierten Künstler der Whitney-Biennale ist eine Erfolgsgeschichte, die scheinbar nur die Vereinigten Staaten hervorbringen können. Der ,amerikanische Traum‘, diese ebenso zynische wie geniale Verdrehung, macht aus der seltenen Ausnahme eines sozialen Aufstiegs den Beweis dafür, dass jede:r, die nur will, es auch schaffen könne. Ein Traum, der die Gewalt der Verhältnisse zum Beleg der Verdienste jener an der Spitze ummünzt, anstatt sie zum Anlass sozialpolitischer Maßnahmen zu nehmen. Man will Allen weder seinen Erfolg noch seine harte Arbeit und auch nicht den künstlerischen Bezug auf seine eigene Biografie absprechen. Doch dass jetzt ein weißer Mann als Träger dieser Kunstwelt-Version des ,amerikanischen Traums‘ ausgewählt wird, ist bezeichnend für die Strategie der US-amerikanischen Rechten, die Kategorien class und race gegeneinander auszuspielen.

Eine klare kulturpolitische Agenda der zweiten Trump-Regierung lässt sich aus der Wahl Allens nicht ableiten. Andere Teile der Administration setzen mittlerweile unverblümt auf ästhetische Strategien der Online-Rechten. Das Department of Homeland Security etwa postet auf Instagram eine Mischung von KI-generierten Rekrutierungsplakaten, Stickereien mit Parolen und Propagandagemälden aus dem neunzehnten Jahrhundert. Im Vergleich mag die Kuration des Biennale Pavillons verhältnismäßig zurückhaltend erscheinen. Sie entspricht nicht der bilderstürmerischen Wut der MAGA-Basis auf die kulturellen Eliten. Vielleicht handelt es sich beim Aufgreifen des Mythos von der US-amerikanischen modernen Entdecker-Künstler:in um ein Angebot. Während Universitäten und Museen unter den Angriffen der Regierung leiden, lautet die Botschaft des US-amerikanischen Pavillons von Venedig: Autonome Kunst mit staatlicher Kunstförderung kann es weiterhin geben, allerdings nur für jene Künstler:innen, die bereit sind, davon Abstand zu nehmen „diversity, equity, and inclusion“ zu fordern, wie es in der Ausschreibung für Venedig hieß.[13] Die genaue Ausgestaltung dieser Kunst bleibt den Kunstschaffenden selbst überlassen. Die vorauseilende Selbstzensur solcher Staatskünstler:innen hat sich als effiziente Fusion von Autonomie und Kontrolle erwiesen.


[1] Ben Davis: I Have Seen the ‘Dark Enlightenment Art World’ and It Is Extremely Dorky, in: artnet, 24.6.2025, https://news.artnet.com/art-world/curtis-yarvin-venice-biennale-2660020, Zugriff am 4.12.2025.

[2] Alex Greenberger: Alma Allen’s Pick as America’s Venice Biennale Representative Is Deeply Dispiriting, in: ARTnews, 24.11.2025, https://www.artnews.com/art-news/opinion/alma-allen-us-venice-biennale-pavilion-non-political-artist-1234761631/, Zugriff am 4.12.2025.

[3] Stefan Koldehoff: Kunst im Dienste der Nation? Der Künstler Alma Allen vertritt die USA in Venedig, in: Deutschlandfunk: Kultur heute, 25.11.2025, https://www.deutschlandfunk.de/kunst-im-dienste-der-nation-der-kuenstler-alma-allen-vertritt-die-usa-in-venedig-100.html Zugriff am 4.12.2025.

[4] Tessa Solomon: Who is Alma Allen, Trump’s Pick to Represent the US at the Venice Biennale? in: ARTnews, 25.11.2025, https://www.artnews.com/art-news/news/who-is-alma-allen-us-pavilion-artist-2026-venice-biennale-1234763746/ Zugriff am 30.11.2025.

[5] Jennifer Jane Marshall: Find-and-Seek: Discovery Narratives, Americanization, and Other Tales of Genius in Modern American Folk Art, in: Ausst.-Kat. Outliers and American Vanguard Art, National Gallery of Art, Washington 2018, S. 53-63, S. 59.

[6] Ebd., S. 55.

[7] Ebd., S. 61.

[8] imrevolting (Su Wu): Alma Allen has been selected to represent the United States at La Biennale de Venezia, the 61st International Art Exhibition, in: Instagram, 24.11.2025, https://www.instagram.com/imrevolting/p/DRchRHADqu-/, Zugriff am 04.12.2025.

[9] American Arts Conservancy: The American Arts Conservancy Announces Alma Allen to Represent the United States at the 61st International Art Exhibition of the Venice Biennale, 26.11.2025, https://www.theamericanartsconservancy.org/blog-the-american-arts-conservancy/the-american-arts-conservancy-announces-alma-allen-to-represent-the-united-states-at-the61st-international-art-exhibition-of-the-venice-biennale, Zugriff am 04.12.2025.

[10] Mendes Wood DM: Alma Allen, ohne Datum, https://mendeswooddm.com/artists/138-alma-allen/ Zugriff am 26.01.2025, via https://web.archive.org. Mendes Wood DM hatte Allen von der Beteiligung am Pavillon abgeraten und sich als Konsequenz seiner Zusage von ihm getrennt.

[11] Fanny Singer: Artist Alma Allen’s Story Is Wilder Than Fiction, in: artnet, 30.01.2020, https://news.artnet.com/art-world/alma-allen-artist-interview-1764867, Zugriff am 04.12.2025.

[12] Marshall 2018, S. 55.

[13] News Desk: US Finally Issues Call for 2026 Venice Biennale Proposals, in: ARTFORUM, 6.5.2025, https://www.artforum.com/news/us-finally-issues-call-2026-venice-biennale-proposals-1234730586/ Zugriff am 4.12.2026.