Die 36. Bamberger Hegelwoche als Bühne für neurechte Narrative

Vom 9.–11. Juni 2026 findet an der Universität Bamberg die 36. Hegelwoche statt. Die jährlich wiederkehrende Veranstaltung widmet sich in diesem Jahr dem Thema „Die Fanatiker – Überall? Wir alle?“.[1] Der Werbeflyer der Hegelwoche lädt mit einer Auflistung möglicher Fanatismen zur Veranstaltung ein: „Ein Gespenst geht um in Europa – der Fanatismus. Gaza-Krieg? Klimaproteste? Migration? Genderdebatte? Speisegebote? Fanatikerinnen und Fanatiker aller Couleur wissen allzu genau, was wahr und richtig ist.“[2] Auf diese Weise wird die kritische Auseinandersetzung mit diesen Themen als Fanatismus bezeichnet beziehungsweise mit Fanatismus gleichgesetzt. Dieser Eindruck verstärkt sich auch in der visuellen Sprache des Flyers: Das Coverbild zeigt die von einer Rauchwolke umgebenen New Yorker Twin Towers und wird durch Fotografien ergänzt, die eine Ku-Klux-Klan-Prozession, das Werkeln an einer Bombe, Kreuzritter, eine vegane Bowl und eine Ansammlung von Menschen mit hochgestreckten geballten Fäusten zeigen.[3] Mit dieser kruden Collage werden unterschiedliche historische, religiöse und politische Erscheinungsformen des Fanatismus illustriert und mit kritischen Wissenschaften sowie sozialen Bewegungen gleichgesetzt. Zugleich führt die äußerst geschmacklose Gegenüberstellung zu einer Verharmlosung der Gewalt der Terroranschläge von 9/11 oder dem Ku-Klux-Klan.

Gerade hinsichtlich des Begriffs des Fanatismus ist eine solche Gleichsetzung untragbar. Während sich der titelgebende Fanatismus sich auf terroristische Anschläge, religiösen Extremismus oder rassistische Gewaltbewegungen beziehen lässt, ist nicht ersichtlich, inwiefern Gendern oder bestimmte Ernährungsweisen in gleicher Weise mit Gewalt oder der Gefährdung von Menschenleben verbunden sind/wären. Diese Gleichsetzung wird mit den weiteren Aussagen ad absurdum geführt: „Daher zeigt Fanatismus oft die Fratze entfesselter Gewalt: Er greift zu Messern oder Sprengstoff und inszeniert grausame Tötungen als Botschaft – auch vor laufenden Kameras.“.[4] Hier stellt sich wohl kaum jemand Kreuzritter, Personen, die gendern, oder Veganer:innen vor.

Die Flyergestaltung und textliche Ankündigung der Hegelwoche kombiniert etablierte Narrative der Neuen Rechten mit denen eines spezifisch antimuslimischen Rassismus, beispielsweise durch das im Zentrum des Flyers positionierten Bilds der Twin Towers, den Verweisen auf Messer, Sprengstoff und medienwirksame Gewalttaten.[5] Die Assoziationskette bleibt besonders wirksam, da die Aussagen des Flyers weitgehend implizit bleiben. Muslim:innen oder der Islam werden an keiner Stelle ausdrücklich genannt. Die verwendeten Bilder und Formulierungen erzeugen jedoch Assoziationen, die entsprechende Deutungen nahelegen. Zugleich bleiben die Aussagen so offen, dass jede entsprechende Interpretation und Kritik daran zurückgewiesen werden kann. Diese Kommunikationsweise lässt sich als strategische Ambiguität beschreiben: Bestimmte Zusammenhänge werden suggeriert, ohne sie explizit auszusprechen. Gerade diese Verbindung aus impliziter Bedeutungsproduktion und formaler Offenheit erschwert eine kritische Auseinandersetzung mit antimuslimisch-rassistischen Deutungsmustern im Flyer. So spielt der Flyer in die Hände der neurechten Metapolitik.

Es wundert also auch nicht, dass der für die inhaltliche Planung der 36. Hegelwoche zuständige Lehrstuhlinhaber für Philosophie an der Universität Bamberg, Christian Illies,  Mitglied beim neurechten Netzwerk Wissenschaftsfreiheit ist.[6] Das Netzwerk vereint Personen wie Wolfgang Fenske, der Leiter der Bibliothek des Konservatismus, oder Ulrich Vosgerau, CDU-Mitglied und Teilnehmer des sogenannten Potsdam-Treffens.[7] Im Manifest des Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit wird erklärt:

„Wir beobachten, dass die verfassungsrechtlich verbürgte Freiheit von Forschung und Lehre zunehmend unter moralischen und politischen Vorbehalt gestellt werden soll. Wir müssen vermehrt Versuche zur Kenntnis nehmen, der Freiheit von Forschung und Lehre wissenschaftsfremde Grenzen schon im Vorfeld der Schranken des geltenden Rechts zu setzen. Einzelne beanspruchen vor dem Hintergrund ihrer Weltanschauung und ihrer politischen Ziele, festlegen zu können, welche Fragestellungen, Themen und Argumente verwerflich sind. Damit wird der Versuch unternommen, Forschung und Lehre weltanschaulich zu normieren und politisch zu instrumentalisieren. Wer nicht mitspielt, muss damit rechnen, diskreditiert zu werden. Auf diese Weise wird ein Konformitätsdruck erzeugt, der immer häufiger dazu führt, wissenschaftliche Debatten im Keim zu ersticken. Hochschulangehörige werden erheblichem Druck ausgesetzt, sich bei der Wahrnehmung ihrer Forschungs- und Lehrfreiheit moralischen, politischen und ideologischen Beschränkungen und Vorgaben zu unterwerfen: Sowohl Hochschulangehörige als auch externe Aktivisten skandalisieren die Einladung missliebiger Gastredner, um Druck auf die einladenden Kolleginnen und Kollegen sowie die Leitungsebenen auszuüben.“[8]

Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit ,argumentiert‘ gerade mit einer diffusen Definition von Wissenschaftsfreiheit für die Wissenschaftsfreiheit. Diese diffuse Grundlage ermöglicht es ihnen, eine proklamierte Wissenschaftsfreiheit als Aushängeschild für Agitationen gegen fundierte Positionen als ,argumentativ schwach‘ und ,ideologisch geprägt‘ zu diffamieren, wobei sie sich gleichzeitig nicht von Mitgliedern distanzieren, die auf dem Potsdam-Treffen waren und für eine klare politische neurechte Agenda stehen. Wissenschaftsfreiheit wird als politischer Kampfbegriff eingesetzt, um bestimmte gesellschaftliche und wissenschaftliche Auseinandersetzungen umzudeuten. Kritik an diskriminierenden, rassistischen oder menschenfeindlichen Positionen erscheint dann nicht mehr als legitimer Bestandteil wissenschaftlicher Debatten, sondern als Ausdruck einer angeblich ideologisch motivierten Einschränkung der Wissenschaft, die als Cancel Culture gelabelt wird.

So dient das Argument der ,Wissenschaftsfreiheit‘ dazu, rechte Narrative in  wissenschaftliche Debatten einzustreuen. Auch in der Handreichung Umgang mit rechten Anfeindungen gegen die Wissenschaft des Forschungsverbunds GeRDea und des Bundesverbands Mobile Beratung wird beschrieben, dass der Begriff der Wissenschaftsfreiheit Gegenstand von Debatten über das Verhältnis von Wissenschaft und demokratischer Kultur sowie über die Gestaltung wissenschaftlicher Streit- und Debattenkulturen sei.[9] Dabei werde Wissenschaftsfreiheit, vergleichbar mit Meinungsfreiheit, als umkämpfter Begriff von verschiedenen Akteur:innen mit unterschiedlichen Interessen beansprucht. Diese Auseinandersetzung finde auch innerhalb des Wissenschaftssystems statt und greife Elemente eines neurechten Kulturkampfes auf, der Universitäten und ihre Angehörigen selbst zu Akteur*innen mache.[10] Die fehlende Auseinandersetzung mit der neurechten Metapolitik von Seiten der Wissenschaft, insbesondere der Forschungsinstitutionen und der Universitäten, zeigt sich daran, dass die 36. Hegelwoche zynischer Weise eine Woche nach der bundesweiten Aktionswoche Wissenschaft gegen Faschismus stattfindet. Zu dieser hatte beispielsweise auch die Gruppe StudisgegenRechts Bamberg aufgerufen und zur Podiumsdiskussion „Verantwortung der Wissenschaft in Zeiten faschistischer Gefahr“ mit Dozierenden der Universität Bamberg eingeladen.[11]

Obwohl Teile der Universitätsleitung den Aufruf zur Teilnahme an der Aktionswoche mitgetragen haben, luden gleichzeitig  der Universitätspräsident Kai Fischbach und der Bamberger SPD-Oberbürgermeister Sebastian Niedermaier im Namen von Stadt und Universität Bamberg zur Hegelwoche ein.[12] Dass diese unmittelbar auf die Aktionswoche Wissenschaft gegen Faschismus folgt, verdeutlicht, dass es an der Universität Bamberg keine nachhaltigen, institutionalisierten Strukturen gibt, um Faschisierungstendenzen in der eigenen Institution wahrzunehmen und diesen entgegenzuarbeiten.[13] Die Universität Bamberg wird durch die Förderung der Hegelwoche ihrem eigenen Aufruf zur Aktionswoche nicht gerecht. Wissenschaft kann nie wertefrei sein, denn sie ist kein luftleerer Raum. Genau deshalb benötigt es eine multiperspektivische Rahmung und einen klaren Umgang mit (neu)rechten Narrativen, die außerhalb der Wissenschaftlichkeit stehen.


[1] Otto-Friedrich-Universität Bamberg: Die Bamberger Hegelwoche, 2026, https://www.uni-bamberg.de/fileadmin/kommunikation/043-VERANSTALTUNGEN/Hegelwochen/2026/Flyer-Hegelwoche-2026.pdf, Zugriff am 05.06.2026.

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Vgl. Ozan Zakariya Keskinkilic: Was ist antimuslimischer Rassismus? Islamophobie, Islamfeindlichkeit, Antimuslimischer Rassismus – viele Begriffe für ein Phänomen?, 17.12.2019, https://www.bpb.de/themen/infodienst/302514/was-ist-antimuslimischer-rassismus/, Zugriff am 05.06.2026.

[6] Netzwerk Wissenschaftsfreiheit e. V.: Mitglieder, https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/ueber-uns/mitglieder/, Zugriff am 08.06.2026.

[7] Ebd.; Daniel Lucas: Rechte an Unis: Von wegen Wissenschaftsfreiheit. Das rechte Netzwerk Wissenschaft ist ein wichtiger Akteur an Hochschulen. Sein Erfolg liegt auch im Selbstverständnis von Wissenschaftlern begründet, 31.01.2025, https://www.nd-aktuell.de/artikel/1188696.hochschulpolitik-rechte-an-unis-von-wegen-wissenschaftsfreiheit.html , Zugriff am 05.06.2026.

[8] Netzwerk Wissenschaftsfreiheit e. V.: Manifest, Februar 2021, https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/ueber-uns/manifest/, Zugriff am: 05.06.2026.

[9] GeRDea-Forschungsverbund in Kooperation mit dem Bundesverband Mobile Beratung e. V.: Umgang mit rechten Anfeindungen gegen die Wissenschaft, 2025, https://www.projekt-gerdea.de/fileadmin/dissens_home/content/documents/GERDEA/GERDEA_BMB_2025_Handreichung_Umgang_mit_rechten_Anfeindungen_gegen_die_Wissenschaft.pdf, S. 9f, Zugriff am 05.06.2026.

[10] Ebd.

[11] Studisgegenrechts_bamberg: Podiumsdiskussion. Verantwortung der Wissenschaft in Zeiten faschistischer Gefahr, 28.05.2026, https://www.instagram.com/p/DY47WD5oIMG/, Zugriff am 05.06.2026.

[12] Otto-Friedrich-Universität Bamberg: Die Bamberger Hegelwoche, 2026, https://www.uni-bamberg.de/fileadmin/kommunikation/043-VERANSTALTUNGEN/Hegelwochen/2026/Flyer-Hegelwoche-2026.pdf, Zugriff am 05.06.2026.

[13] Ebd.; Studisgegenrechts_bamberg: Podiumsdiskussion. Verantwortung der Wissenschaft in Zeiten faschistischer Gefahr, 28.05.2026, https://www.instagram.com/p/DY47WD5oIMG/, Zugriff am 05.06.2026.